„Menschsein in Zeiten von Corona“

Warum Virologen und deren Gefolgschaft zu Taliban der Moderne zu werden drohen

Dominic Cummings, politischer Chefberater des britischen Premiers Boris Johnson, fährt während des Lockdowns, den er selbst zu verantworten hat, durchs halbe Land, um seine Tochter gut versorgt zu sehen. Jarosław Kaczyński, Jurist und Vorsitzender der Regierungspartei Polens, geht am Todestag seines Zwillingsbruders zu dessen Grab, obwohl Friedhofsbesuche strengstens verboten sind während des Lockdowns, den er selbst verordnet hat. Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow geht zur Beerdigung einer Nachbarin, obwohl er selbst verfügte, dass bei Trauerfeiern nur der „engste Familien- und Freundeskreis“ teilnehmen darf.

Arroganz der Macht? Sicher! Aber eben auch die Kapitulation vor der eigenen Unfähigkeit, Unmenschliches zu befolgen.

Ramelow erkannte, dass es „unmenschlich“ gewesen wäre, der Trauerfeier fernzubleiben. Er ist nicht der Einzige, der sagt, man sei zu weit gegangen im Bestreben, die Ausbreitung von Covid-19 zu hemmen, was – man erinnere sich – eigentlich dazu da sein sollte, die Krankenhäuser nicht an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit zu bringen.

Zuwendung, Nähe und Wärme, kurz: menschlicher Kontakt sind konstituierend für das Mensch-Sein an sich; Säuglinge sterben ohne Berührung und liebevolle Ansprache, selbst wenn sie ausreichend Nahrung und Pflege erhalten. Nicht von ungefähr gewinnen die Folgen von Einsamkeit immer mehr Forschungs- und politische Aufmerksamkeit. In Großbritannien wurde 2018 sogar ein Ministerium eingerichtet, das sich diesem Problem widmen soll.

In der oben begonnenen Aufzählung fehlt – mindestens – ein weiterer Kandidat: Andy Grote feierte am 10. Juni seine Wiederernennung zum Innensenator in einer Hamburger Kneipe. Er sagt, es sei ein „lockeres Zusammenkommen“, ein „Stehempfang“ gewesen; andere sprechen von Party. In jedem Fall haben sich da mindestens 30, im Verlauf des Abends 50 Personen, die Klinke in die Hand gegeben, während sich in Hamburg nur maximal sechs Personen „ansammeln“ durften, und der Betrieb von Gaststätten ohnehin ganz untersagt war. Jede noch so kleine Zuwiderhandlung gegen Corona-Vorschriften wurde mit mindestens 150 Euro Strafe pro Person geahndet.

Grote, dessen Behörde für die Einhaltung dieser Verordnungen zuständig ist, nahm den HamburgerInnen bis Ende Juni in knapp 9240 Ordnungswidrigkeitsverfahren 613.027 Euro ab, hielt sich selbst aber nicht daran. Nach wochenlanger Prüfung durch die Bußgeldstelle in Grotes eigener Behörde soll er nun 1000 Euro zahlen, angeblich habe er zwar „keine Fehler“ gemacht, allerdings eine verbotene „private Zusammenkunft“ abgehalten.

Arroganz der Macht? Ganz sicher! Und ein guter Anlass zu überlegen, ob Strafen für Verstöße gegen selbst erlassene Vorschriften nicht automatisch das Zehnfache dessen betragen sollten, was ein Normalbürger zahlen müsste.

Dennoch: Auch hier stellt sich die Frage, was das Menschsein ausmacht. Gehören Feiern und Party dazu? Oder ist das lediglich ein nice to have?

Professor Christian Drosten meinte bei Maybrit Illner, dass man „leichtfüßig“ entscheiden könne, „Spaßveranstaltungen“ auszusetzen. Man müsse nicht immer Spaß haben, wenn es wirklich „nur Spaß“ sei. So froh man sein kann, dass es Menschen gibt, die sich so von einem Virus faszinieren lassen, fragt man sich doch, ob er nicht zu lange zwischen Phiolen und Mikroskopen stand.

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, setzte noch einen drauf und meinte, wir sollten uns alle für den Erfolg der Einschränkungen „belohnen“, indem wir uns weiter einschränken. Selbstkasteiung scheint ein Teil der Ausbildung zum Virologen zu sein, wobei: Er ist ja Tierarzt … was wieder zu Tönnies und Kasteien passt. Immerhin hat er dann doch selbst gemerkt, dass diese Formulierung fragwürdig ist. Aber überhaupt so zu denken!

Wenn man sich vergegenwärtigt, wie viel nicht nur Freudvolles, sondern auch schlicht existenziell Wichtiges während des Lockdowns vorenthalten wurde, stellt sich die Frage, ob Drosten, Wieler und Co. – und mit Co. sind all die PolitikerInnen gemeint, die das schließlich so entschieden – als „Taliban der Neuzeit“ in die Geschichte eingehen werden. Denn so etwas würde auch ein Taliban sagen: Alles, was Spaß macht, ist verboten! Spielen und Tanzen, Singen und Lachen – v.a. über Autoritäten, insbesondere VirologInnen, oder wie Drosten für sich forderte, als auch er Gegenstand von Karikaturen wurde: „Das muss aufhören!“

Taliban der Moderne halten alles, was Spaß macht, für verzichtbar

Das Erste, was Taliban streichen, sobald sie an der Macht sind, sind Bildung und Vergnügen. Schulen werden geschlossen bzw. sind nur für Jungen zugänglich und dienen vornehmlich dem Auswendiglernen des Koran. Singen, Tanzen, Feiern, Kunst und sogar Spielen – ganz zu schweigen von Küssen! – sind verboten oder stark zensiert.

Wobei beim Küssen der österreichische Gesundheitsminister Rudi Anschober ganz vorn beim Taliban-Verbots-Award nominiert wäre: Er hatte das öffentliche Küssen tatsächlich unter Strafe gestellt. Und auch wenn es nicht kontrolliert und sanktioniert werde, sei auch „daheim“ vom Küssen zwischen nicht zusammenlebenden Personen „abzusehen“.

Auch der Berliner Senat darf Ansprüche auf einen solchen Award anmelden: Er hat das Singen in geschlossenen Räumen – außer in Schulen – verboten. Und in Hamburg ist seit Neuestem das Tanzen auch allein, mit Abstand und im Freien verboten – nämlich auf Demonstrationen!

Und was die Bildung angeht: Kinder entbehren durch die Corona-Vorschriften im Schnitt 50% des Unterrichts; und das RKI musste man zum Studien erheben tragen wie andere zum Jagen. Erkenntnisgewinn scheint nicht oben auf der Prioritätenliste zu stehen.

So verhindern beide Gruppen, Virologen und Taliban, aus unterschiedlichen Gründen, dasselbe: All das, was zum Einen für den Zusammenhalt in Familien und Gesellschaft sorgt, und zum anderen den Geist frei macht und Raum schafft, über Grenzen hinaus zu denken. Das ist das Wesen von Extremisten: Ihr Blick verengt sich – und sie sind bereit, alles ihrer Ideologie zu opfern.

So bietet Christian Drosten nur eine einzige Lösung für den von ihm selbst prognostizierten angeblich über zwei Jahre immer wieder nötigen Lockdown: Da dies „kein Mensch aushält“, müsse man bei der Zulassung von Impfstoffen Sicherheitsvorgaben mindern – und der Staat die Haftung dafür übernehmen.

Spaß schafft Kreativität schafft Erkenntnis

Nun ist es allerdings so, dass genau das: die ziel- und zweckfreie Betätigung, Vergnügen um des Vergnügens willen, das Menschsein ausmacht. Das ist der Kern unserer Spezies – und das Geheimnis unseres Erfolgs, weil es dazu führt, dass wir kreativ sind: über den Tellerrand hinaus denken, Dinge erfinden – und zwar auch solche, von denen wir uns vorher nicht vorstellen konnten, dass sie existieren und Sinn machen könnten … Impfungen zum Beispiel!

aus: https://www.heise.de/tp/features/Menschsein-in-Zeiten-von-Corona-4874776.html